* 11. Januar 1912 in Bern, † 28. November 1999 in Zürich
René Bertschy kam als Zweitjüngster einer Familie mit sieben Kindern in Bern zur Welt. Er absolvierte nach der Volksschule (Primar- und Sekundar-) das Technikum in Biel. Schon als Sekundarschüler war er ein leidenschaftlicher Rhythmiker. Wenn der Lehrer draussen war, benutzte er oft, zum Spass seiner Mitschüler, das Schülerpult als Trommel und spielte damit wahre Schlagzeugsoli. Nach der Schul- und Studienzeit sass er dann an einem richtigen Drumset, das wahrscheinlich aus dem Berner Musikhaus seines Bruders Oskar stammte, in diversen Amateurbands. Doch er bemühte sich immer auch ernsthaft um eine Anstellung als Techniker.
Neben dem Schlagzeug interessierte sich René mehr und mehr auch für das Spielen des Basses, der einer Band nicht nur die rhythmische, sondern auch die harmonische Grundsubstanz geben kann. Weil er auf Wunsch seines Vaters bereits weitgehend mit dem Cello vertraut war, bereitete ihm das Umsteigen vom Cello zum Bass keine Mühe. Nach eifrigem autodidaktischem Lernen war nun auch der Bass ein Instrument, mit dem er die Besetzung eines Orchesters wirkungsvoll ergänzen konnte. In den Dreissigerjahren war es nicht leicht, eine gute Anstellung als Techniker zu finden. Als 1935 die holländische Band „The Chocolate Kiddies“ im Berner Chikito engagiert war, hatte René Bertschy die willkommene Gelegenheit, als Berufsmusiker am Bass einzusteigen.
Die „Chocolate Kiddies“ spielten sehr weitgehend echten Jazz zum Tanz. Drei damals bekannte schwarze Musiker gehörten der Band an: Der Trompeter Johnny Dunn, der Trombonist Jack Green und Horace Eubanks, Sax und Klarinette. Als ihr Bassist nach Amerika zurückreiste, wurde seine Stelle vakant. René wurde angefragt, ob er interessiert wäre, als Bassist bei den „Chocolate Kiddies“ einzusteigen. Natürlich war er sehr interessiert. Sein Diplom am Technikum Biel hatte er abgeschlossen, fand aber infolge der Wirtschaftskrise keine Stelle. Also ging er zu den „Chocolate Kiddies“ und fühlte sich bei den neuen Musikerkollegen gut aufgenommen. Als die Band im Frühjahr 1936 nach Holland zurückkehrte, war auch René Bertschy mit dabei. Holland war damals ein ideales Land für Jazzmusiker. Hier hielten sich erstklassige Musiker auf, Giganten wie der Tenorsaxofonist Coleman Hawkins oder der Altsaxofonist und Trompeter Benny Carter. Auch gab es viele gute Jazzmusiker aus Deutschland, die infolge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nach Holland emigriert waren. In Holland lernte René Bertschy die Sängerin Kitty Ramon kennen, die er bald heiratete. In der Schweiz wurde Kitty später als Sängerin in der Big Band von Fred Böhler bekannt.
Als Ende der Dreissigerjahre sich die“Chocolate Kiddies“ auflösten, war für René Bertschi die Zeit gekommen, eine eigene, neue Formation zu gründen, die „Swing Kiddies“. Léon, der neun Jahre ältere Bruder von René, schloss sich ihm an. Die „Swing Kiddies“ hatten in der kurzen Zeit ihres Bestehens beachtliche Erfolge. Sie starteten in Biel und hatten Engagements in Basel, Lausanne und Lugano. Der herausragende Solist war Alberto Quarella, der Trompeter aus St. Gallen. Dem Bandleader Teddy Stauffer fühlte er sich zu grossem Dank verpflichtet, denn er erreichte, dass René für Auftritte mit den „Original Teddies“ für eine Weile das Militärgewand ausziehen durfte. René kannte Teddy schon von Bern her, wo der junge Geiger 1929 seine erste, kleine Band gegründet hatte. Nun trafen sich die beiden nach etwa zehn Jahren an der Landi in Zürich (Schweizerische Landesausstellung). Teddy berichtete René, er suche gerade einen guten Bassisten. René liess sich sofort engagieren und Teddy, der die nötigen Beziehungen hatte, bemühte sich um zusätzliche Urlaubstage. Nun war René bei den „Original Teddies“ dabei, wenn sie z.B. im Kongresshaus oder im Kammermusiksaal in Zürich Plattenaufnahmen machten. Höhepunkt seiner „Teddieszeit“ war dann der Film „s’Margritli und d’Soldate“. Im Anschluss an die Dreharbeiten gab’s eine grosse Tournee mit der Stauffer- Bigband und dem damals populären Gesangstrio, den Geschwistern Schmid. Als Teddy im Sommer 1941 nach Amerika ging, war die „Teddieszeit“ für René vorbei.
Als das Basler Orchester „Lanigiros“ 1942 einen Ersatz für den ausscheidenden Bassisten und Sänger Guido Cova suchte, nahm René mit dem Leiter des Orchesters, dem Geiger und Saxofonisten Bruno Bandini, Kontakt auf und wurde sofort engagiert. Denn es wurde ein Bassist gesucht, der auch gut englisch singen konnte. Diesen Anforderungen entsprach René gänzlich. In Holland hatte er sich ausgezeichnete Sprachkenntnisse angeeignet. Dort war Englisch unter den Musikern das gebräuchliche Verständigungsmittel.
Da die Auftritte der „Lanigiros“ mit der Zeit ins Routinierte abgleiteten, entschied sich René, die Band zu verlassen und es mit einer eigenen Formation, die er „The Continentals“ nannte, zu versuchen. Dieser Versuch gelang, hauptsächlich dank dem Engagement einiger Topmusiker: Geo Voumard am Piano und der Saxofonist Emil „Eddie“ Billeter, die von der Hazy Osterwald-Band kamen, sowie dem Trompeter Rolf Goldstein, ein Kollege von den „Chocolate Kiddies“. Nicht nur als Solist war Goldstein erstklassig, auch als Arrangeur war er eine wertvolle Stütze der Band.
Die „Continentals“ waren durchaus eine gute Sache. Doch als René Bertschy zu Beginn der Sechzigerjahre mit der fortschreitenden Elektronisierung der Musik konfrontiert war, stand er vor der schwerwiegenden Entscheidung, sich dem Trend, dem er nichts abgewinnen konnte, anzupassen oder seine Gruppe aufzulösen. Renés Entscheidung: Im Frühling 1963 wurden „The Continentals“ aufgelöst. Mit seinem Schulsack war er kommerziell gesehen nicht auf das Musizieren angewiesen, er war mit Erfolg im Handel tätig, führte in Bern eine Modeboutique. 1968 zog er nach Zürich um, wo er im November 1999 starb.
René Bertschy hat als typischer Swingstyle-Musiker Swingjazz mit Erfolg als Tanzmusik gespielt. Ein guter Platz in der Schweizer Jazzgeschichte steht ihm zu.
Jimmy T. Schmid