
Pianist
*9. März 1929 in Liestal - † 16. Januar 2004 in Paris
Als die Vereinigten Staaten ihre Armada über den Atlantik schickten, um Europa vom Regime der Hitler, Mussolini und Konsorten zu befreien, deponierten sie nicht nur Waffen und Munition, sondern auch ein gutes Stück nordamerikanische Kultur auf unserem Kontinent. Jazz war zwar schon in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts kein Fremdwort mehr im musikalischen Biotop Europas, aber nach 1945 gab es kein Zaudern mehr – schon gar nicht in der Schweiz, wo man ab 1951 Jahr für Jahr die besten jungen Jazzmusiker im Land mit- und gegeneinander antreten liess.
Das geschichtsträchtige Zürcher Jazzfestival wurde zur soliden und publikumswirksamen Wettbewerb in der Deutschschweiz. Aber ein Blick in die frühen Festival-Ranglisten verrät in allen Stilsparten die auffällige Dominanz der welschen Bands und Solisten in den Spitzenrängen. Genf und Nyon, Lausanne und Neuchatel wurden – beeinflusst durch das nahe Frankreich - veritable Hotspots im Schweizer Jazz der Fünfziger- und Sechzigerjahre.
Architekt und Musiker
Einer, der sich damals erfolgreich in Szene setzte und später gar als «graue Eminenz im Genfer Jazz» galt, war Paul Thommen – was nur schon deswegen erstaunen mag, weil dieser erstklassige Pianist, Arrangeur und Leader gar nicht aus der Westschweiz stammte, sondern in Liestal geboren wurde und in jungen Jahren in Olten und Basel lebte. Violine und Akkordeon waren seine Einstiegshilfen in die Welt der Musik, bald wechselte der junge Erwachsene jedoch ans Klavier-Keyboard, das ihm zunächst als Übungsplatz für zehn flinke Finger diente, bevor er am Tasteninstrument sein autodidaktisch weiterentwickeltes Talent für Komposition und Orchestration entdeckte.
Paul Thommen machte nicht die Musik zum Brotberuf. Er wurde Architekt und verlegte seinen Lebensmittelpunkt 1954 nach Genf. Doch von 1950 bis 1960 wirkte er als Freelancer in verschiedenen semiprofessionellen Formationen mit - so im Tanzorchester des Aargauer Posaunisten Willy Kuhn, aber auch in dessen Combos Syncopators und Rhythm Kings, die dem jungen, jazzbegeisterten Pianisten Gelegenheit boten, seine eigene «Spur» von Dixieland bis Bebop zu legen. 1957 landete Paul Thommen – gemeinsam mit George Gruntz – am Jazzfestival Zürich bei den Pianisten im ersten Rang. Zwei Jahre später gelang ihm das erneut als Mitglied von drei ebenfalls prämierten Kleinformationen aus der Romandie.
Ab 1960 trat Paul Thommen selber als Bandleader und Arrangeur in Erscheinung, zunächst mit einem bemerkenswerten Modern-Jazz-Oktett, dann mit der Paul-Thommen-Bigband, deren kompakte Wucht im Festivaljahr 1962 mit dem Grand Prix der Stadt Zürich belohnt wurde. Fünf Jahre später gestaltete die von Thommen geleitete Grossformation den Galaabend des damals neu entstandenen Montreux Jazz Festivals. Danach pausierte dieses grandiose musikalische Vehikel, bis Saxofonist Roby Seidel die 20-Mann-Bigband reaktivierte.
Starke Klänge und intime Sounds
Paul Thommen seinerseits wandte sich gemeinsam mit der ersten Garde des welschen Jazz wieder kleineren Ensembles zu. Er genoss zudem das intime Interplay als pianistischer Begleiter von Jazzgrössen wie Lucky Thompson, Harry Sweets Edison, Buddy Tate, Arnett Cobb und Guy Lafitte oder von Sängerinnen wie Sandy Patton, Ann Malcolm und Vickie Henderson. Als der aktuelle Jazz in Richtung Funk und Rhythm`n`Blues driftete, war auch Paul Thommen zur Stelle: 1975 interpretierte er mit der Band Ten Beers After Rockjazz. In den Achtzigerjahren leitete er erneut eigene Gruppen, 1984 und 1989 entstanden mit der Paul Thommen Sound Machine zwei wichtige, den Sound des Genfer Leaders und Partiturenkünstlers mustergültig dokumentierende Alben.
Paul Thommen, der 1978 die Association Genevoise des Musiciens de Jazz gründen half, blieb als Interpret bis Ende der Neunzigerjahre aktiv, in jener «Reifezeit» vorzugsweise als Pianist mit eigenem Trio, dann und wann erweitert um einen Solisten. Im Januar 2004 starb Paul Thommen nach langer Krankheit – fünf Jahre nach Henri Chaix, jenem anderen Champion unter den Genfer Jazzpianisten des letzten Jahrhunderts.
René Bondt
Film-Ausschnitt 9.12.1989
Amateur-Aufnahme von mit u.a.
Mario Schneeberger (as), Elmer Gill (vib), Paul Thommen (p), Martin Meyer (dr)

Jazz in Switzerland
1958
2-4 Stockholm Sweetin' - Paul Thommen Octet

12. Amateur-Jazz-Festival
Zürich 1962
A1 Groovin' For Nat.
Orchester Paul Thommen

13. Amateur-Jazz-Festival
Zürich 1963
A5 Big P - Orchester Paul Thommen

17. Internationales Amateur-Jazz-Festival
Zürich 1967
B5 Mack The Knife - Paul Thommen Big Band

Orchestre Paul Thommen

Jazzfestival ZH

Henri Chaix, Paul Thommen

