Portrait für den Monat September 2026: Claude Aubert

Claude Aubert

Klarinette, Sopransaxophon

*1925 – † September 2000 in Spanien

Georges Aubert war in der Romandie ein bekannter Bildhauer, Maler und Kunstlehrer. Von ihm erbte Claude, 1925 geboren, zwar das «Künstler-Gen», doch der Sohn fühlte sich stärker zur Musik hingezogen – besonders zum traditionellen Jazz. Das Klarinettenspiel brachte er sich selbst bei, und mit zwanzig Jahren fand er Anschluss an die ganz unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg aufblühende Genfer Jazzszene. Als sich nämlich am 8. Mai 1945 die Nachricht vom Kriegsende in Europa verbreitete, beschlossen die Jazzmusiker der welschen Metropole, im Parc des Eaux-Vives ein grosses Fest samt Jamsession zu veranstalten. Die Session dauerte von 19 Uhr bis zum Nachmittag des Folgetags.
Claude Aubert spielte mit den regional bekannten Altstil-Formationen: den Dixie Dandies, der New Rhythm Band, den New Orleans Stompers. Im Genfer Jazzclub Cat Club bildete er das musikalisch wie auch menschlich vorbildlich harmonierende Haustrio mit Pianist Henri Chaix und Schlagzeuger Pierre Bouru. Dieses Basisvehikel begleitete durchreisende Solisten von internationalem Zuschnitt - Sydney Bechet etwa, aber auch den britischen Bandleader Humphrey Lyttelton, der Claude Aubert gleich auf eine Tournee mitnahm.

Von der Klarinette zum Sopransax

Mitte Mai 1949 gab Sopransaxofonist Sidney Bechet in Genf ein denkwürdiges Konzert, das Aubert zu einem Instrumentenwechsel inspirierte. Der Klarinettist mutierte zum Sopranisten und gefiel dem Publikum mit seinem nunmehr breiten und kräftigen Ton. Und weil Claude Aubert auch ein brillanter Redner und unerschöpflicher Erzähler war, entwickelte er sich bald in jedem Umfeld zum sozialen Mittelpunkt. Er heimste die besten Verträge für seine Band ein und spielte Woche für Woche an Privatanlässen in den schönsten Villen am Genfersee.
Claude Aubert und der von ihm bewunderte Sidney Bechet wurden gute Freunde. Der Franco-Amerikaner fühlte sich wohl in Genf und kam oft für einige Tage über die Grenze zu seinen welschen Freunden. Kollegial verkehrte Aubert auch mit dem Klarinettisten Albert Nicolas, einem weitere Euro-Amerikaner, der eine Zeitlang auch in der Schweiz wohnte. Gerne erinnert man sich in Genf an gemeinsame Auftritte von Bechet und Nicholas mit Chaix am Piano, Bouru an den Drums und Raymond Droz an der Posaune im Palladium. 

Höhepunkte und Kompliziertes

Nachdem die Aubert-Band 1947 in Brüssel brilliert hatte, wurde sie 1948 zu einem Auftritt im belgischen Seebad Ostende eingeladen. Die Musiker, unterschiedlich bei Kasse, reisten individuell – Treffpunkt: 18 Uhr beim Eingang des Casinos. Alle waren da! Nebst 2000 Zuschauern. Das Konzert wurde zum Erlebnis, neue musikalische Bekanntschaften entstanden – mit Buck Clayton, Stephane Grappelli, Raymond Fol und andern. Und in der Folge konnte Claude Aubert vier Seiten einer Schellack-Produktion bespielen, die auf dem Label «Columbia» erschien.
Bald folgten frühe TV-Aufnahmen mit Claude Aubert, Albert Nicholas, Henri Chaix und Raymond Droz in einem Ministudio. Es wurden Palmen verrückt und alle Stücke viermal angespielt, ein «script-girl» machte alle Anordnungen. Kurz: es war kompliziert. Kompliziert wie beispielsweise auch ein Gemeinschaftsauftritt mit Sidney Bechet und Albert Nicholas. Bechet, Star in Europa, entwickelte wenig Lust neben einem weiteren US-Star und fast gleicher Instrumentierung zu konzertieren. Man einigte sich darauf, dass Nicholas im Bechet-Konzert später zur Band stossen und mit Bechet ein Stück spielen sollte. Doch Nicholas brachte mit einer sofortigen Titelansage die geplante Ordnung durcheinander. Mit bösem Blick machte Bechet gute Miene zur Situation, während Nicholas sich an eine alte Aufnahme mit Jelly Roll Morton und Bechet erinnerte und so die Situation rettete.

Eine neue Ära

Anfangs der Sechzigerjahre änderte sich in Genf die Situation für die einheimischen Jazzformationen. Claude Aubert entschied sich, mit dem Live-Jazz aufzuhören und neue berufliche Aktivitäten anzusteuern. Sein Orchester existierte unter dem Namen Orchestre Henri Chaix weiter. Aubert wurde Generalvertreter der Schallplattenmarke Vogue, später Direktor für die Schweiz von Barclay.
Neu waren in Genf die Big Band von Paul Thommen, die Old School Band sowie die Hot Peppers gefragt. Pierre Bouru blieb weiterhin als Organisator internationaler Konzerte aktiv - und als Schlagzeuger auf hohem Niveau.

Fernand Schlumpf

 

Musikbeispiele

Muskrat Ramble
Victoria Hall, Genève, 14.05.1949
Intro Sidney Bechet
Orchestre Claude Aubert

Wally Fawkes cl, René Marthaler d, Henri Chaix p, Claude Aubert ss, Sidney Bechet ss, Raymond Droz tb

Basin Street Blues
Dixiland Jazzband, Genève, 1950

Gabriel Preitner tp, Eric "Bibus" Dufour tb, Henri Freivogel cl, Claude Aubert ss, ld, Raymond Schneider p, Marc Roth g, Roger "Slam le Dada" Dannhauer b, Alex Dubois d, Othella Strozier voc

Sweet Georgia Brown
Dixiland Jazzband, Genève, 1950

Gabriel Preitner tp, Eric "Bibus" Dufour tb, Henri Freivogel cl, Claude Aubert ss, ld, Raymond Schneider p, Marc Roth g, Roger "Slam le Dada" Dannhauer b, Alex Dubois d 

Clarinet Marmelade
Dixiland Jazzband, Genève, 1950

Gabriel Preitner tp, Eric "Bibus" Dufour tb, Henri Freivogel cl, Claude Aubert ss, ld, Raymond Schneider p, Marc Roth g, Roger "Slam le Dada" Dannhauer b, Alex Dubois d 

Fotogalerie

Orchester Claude Aubert
Claude Aubert cl, ss, Pierre Bouru d, Henri Chaix p tb,, Jacques Fleury b, Michel Pilet as, cl, ts

Renaude Stambac, Claude Aubert, Erich Mohr, Sidney Bechet, Pierre Bouru

Sidney Bechet, Erich Mohr, Claude Aubert, Loys Campe, Pierre Bouru, Renaude Stambac