
* 16. Mai 1938 in Lyon – † 27. August 1999 in Auch (Südfrankreich)
Im Monatsrhythmus stellt das Swissjazzorama Schweizer Jazzpersönlichkeiten vergangener Tage vor. Ob der hier präsentierte Pianist überhaupt ein Landsmann sei, blieb allerdings «unter Kennern» zunächst eine offene Frage. Fakt ist: Der im französischen Lyon geborene Marc Hemmeler war der Sohn eines Schweizer Bankiers, der aus Lenzburg stammte. Marc wuchs in Paris auf, besuchte dort die Schule und absolvierte nebenher ein paar Klavierstunden. Dem Zehnjährigen gefiel vor allem die Musik des damals populären Chansonniers und Komponisten Charles Trenet, dessen Hits er singen und bald auch am Piano begleiten konnte.
Beruflich sorgte Papa Hemmeler für einen soliden Start. Marc wurde nach Genf in die Lehre bei der Union des Banques Suisses geschickt. In der Nähe des Finanzbezirks verkehrte die örtliche Künstlerelite im Hot-Club Cellar und begeisterte sich um die Mitte der Fünfzigerjahre vorwiegend für den Jazz. Marc Hemmeler lernte die Cave ebenfalls kennen: Dem musikalischen Jüngling wurde erlaubt, während der vorabendlichen Putzstunde im Lokal Klavier zu spielen. Davon nahm auch die vitale Genfer Jazzszene Notiz. Trompeter Jo Gagliardi, Saxofonist Michel Pilet und andere freundeten sich mit Marc an und bauten ihm Brücken in die aufregende Welt von Drive und Blues. Trenet und Co. waren plötzlich von gestern, Standards von Gershwin und Carmichael dagegen die Zukunft. Dem talentierten Autodidakten Hemmeler fiel es leicht, neue Vorbilder an den weissen und schwarzen Tasten zu finden. Vor allem Oscar Peterson und Wynton Kelly inspirierten den Feierabend-Pianisten, dem bald eine überzeugende Anschlagstechnik, starkes Swingfeeling und vor allem ein sensibles Balladenspiel attestiert wurden.
Showbiz, Varieté, Whisky
Mit einem Ticket dritter Klasse und etwas Taschengeld verliess der volljährige Hemmeler 1959 Genf und fand sein Glück als Berufsmusiker in Paris. Im Restaurant «Louisiana» unterhielt der sympathische Franco-Suisse die Gäste als Pianist und Sänger mit einem Repertoire von «La Mer» bis «Body and Soul». Dem Publikum gefiel das – ganz besonders jedoch der Barmaid Betty, die Marc im Laufe seines nicht sehr langen Lebens gleich zweimal heiratete und der er auch sein schönstes Stück, «Blues for Betty», widmete. 1960 führte der Zufall den aufstrebenden Schweizer Pianisten an die Seite eines jungen belgischen Sängers, der unter dem Künstlernamen Johnny Hallyday damals im Begriff war, eine Weltkarriere im Showbiz zu lancieren. Vier Jahre lang spielte Hemmeler im Orchester des Popstars, verdiente gutes Geld – und investierte einen unguten Teil davon täglich in Whisky.
1965 hatte Marc Hemmeler, inzwischen bekannt und geschätzt im Pariser Musikermilieu, genug von Varieté-Tingeltangel. Die französische Metropole, stets auch ein Hotspot für reisende amerikanische Jazzprominenz, bot Musikern auf Tournee öfters die Gelegenheit, erstklassige lokale Pianisten zu verpflichten. Hemmeler war – schon während der Hallyday-Episode – einer dieser Pianisten. Er überzeugte auf Bühnen und an Studiosessions an der Seite von Eddie Davis, Harry Edison, Stan Getz und Ben Webster. Die hochprofessionellen Begleitmusiker Kenny Clark und Ray Brown wurden echte Freunde und Partner des Franco-Schweizers. 1965 formierten Hemmeler, Drummer Kenny Clarke, Bassist Pierre Michelot und Gitarrist Jimmy Gourley ein Traumquartett, das in der Folge den «Klangteppich» legte für Solisten wie Johnny Griffin, Clark Terry, Barney Kessel, Milt Jackson oder Art Farmer.
Highlights und Tristesse
Für Hemmelers eindrückliches Balladenspiel begeisterte sich allerdings auch ein Swingklassiker französischer Herkunft: Während sieben Jahren war Marc Hemmeler bei Tourneen des Geigers Stéphane Grappelli üblicherweise als Pianist mit von der Partie. Und in der gleichen Zeitspanne entstanden zudem einige der eindrücklichsten Tonträger mit Marc Hemmeler, unterstützt von den Rhythmikern Shelly Manne oder Daniel Humair und Bassist Ray Brown.
Diesen musikalischen Highlights folgte bedauerlicherweise eine Periode des musikalischen Blindflugs und der existenziellen Selbstzerstörung. «Irgendwann wollte niemand mehr mit ihm arbeiten, weder die Musiker noch die Veranstalter», resümierte später der Genfer Jazzmusiker und Journalist Pierre Bouru, dem wir eine kurze Hemmeler-Biografie im Internet verdanken. Marc zog sich – aus wenig schlüssigen Motiven – nach Südfrankreich zurück, wo er in einem Bistro akustische Nonvaleurs klimpern und reichlich harte Drinks konsumieren durfte. Der Tod seiner Lebenspartnerin Betty raubte dem Sechzigjährigen vollends die Lebenskraft. Nachbarn fanden eines morgens den verstummten Künstler von einst, er erwachte nicht mehr aus dem Koma.
René Bondt

(NZZ 16.03.1981)

Aus dem Zeitungsarchiv des SJO,
gefunden von Rolf Meister (Crew Member)
(Schaffhauser Nachrichten 20.04.1978)
Montreux Jazz
1973, LP-14112
Seite 1: mit Guy Lafitte
3) Sur les quais du vieux Paris
Walking in L.A.
1980, LP-24385
Seite 2: Trio mit Ray Brown (b)
1) Walking in L.A.
Easy Does It
1981, LP-19922
Seite 2: mit Stéphane Grappelli und Ray Brown
1) Stephane's Song
FEELINGS
1982 LP-05450
Seite 2: Marc Hemmeler Trio
1) Blues for Bommer
Anniversary In Paris
1986, LP-12452
Seite 1
1) Anniversary In Paris

Ray Brown (b), Marc Hemmeler (p)

Jimi Hall, Alvin Queen (d), Marc Hemmeler

Ray Brown (b), Marc Hemmeler (p), Shelly Manne (d)