Portrait für den Monat Juli 2026: Irène Schweizer

Irène Schweizer 

* 2. Juni 1941 in Schaffhausen – † 16. Juli 2024 in Zürich

Hinein ins Leben
Als Irène Schweizer in Schaffhausen am nördlichen Rand der Schweiz am Pfingstmontag 1941 zur Welt kam, befand sich diese in keinem guten Zustand. Der nördliche, sich in Sichtweite befindende Nachbar, Nazi-Deutschland, hatte Europa mit einem Aggressionskrieg überzogen. Bis zum Ende des Jahres wird sich dieser zum Zweiten Weltkrieg ausgewachsen haben.
Die Eltern führten in diesen unruhigen Zeiten an dieser gefährdeten Grenze (versehentlicher Bombenabwurf der US Air Force vom 1. April 1944) das Restaurant «Landhaus», dessen grosser Saal eine gefragte Lokalität für Veranstaltungen verschiedenster, nicht zuletzt musikalischer Art waren. Es versteht sich, dass da auch ein Klavier stand, das von der 3 Jahre älteren Schwester Lotte und Irène rege benutzt wurde.
Als der Krieg vorbei war lieferten die US-Amerikaner anstelle todbringender Bomben nun die Musik, die via Radio auch ans Ohr des musikalischen Kindes drang.

Vom (Modern) Jazz gestreift
Am 17. August des Jahres 1957 traten im «Landhaus» die «Crazy Stokers» auf, eine lokale Band, die eine Art Mainstreamjazz bot, der vom Dixieland über den Swing bis in die Nähe des Modern Jazz reichte. Am Piano sass die 16-jährige Irène, die «Lullaby of Birdland» im «Stile des berühmten Block-Akkord-Pianisten Erroll Garner» vorgetragen habe, so der kundige Reporter der «Schaffhauser Nachrichten». 
Natürlich blieb die Pianistin, die auch schon erste Erfahrungen am Schlagzeug gemacht hatte, stilistisch nicht stehen, sondern hörte in den späten Teenagerjahren bereits die Stars der Zeit, Miles Davis, Dave Brubeck, John Coltrane und einen Pianisten/Komponisten, der sie als Begleiter im Geist das Leben lang nicht los lassen sollte: Thelonious Monk.
Am Freitag, 8. April 1960, so erzählt Irène, hätte sie an einer Hochzeitsfeier zwar einen gut bezahlten Gig runterspielen müssen, aber selbigen Abends sei im Zürcher Kongresshaus das legendäre erste Miles Davis Quintet mit John Coltrane aufgetreten, was sie in Stinklaune versetzt und kaum richtig habe spielen lassen. So ist das nun mal mit den zwei Hochzeiten…

Hotspot London und Amateur Jazz, eine Schweizer Besonderheit
Irène Schweizer durchlief einen für Frauen damals konventionellen Start ins Berufsleben, in dem der Jazz keineswegs als Berufsziel vorgesehen war. Internat, Sprachaufenthalt in London und Handelsschule Zürich waren Stationen auf der Strecke zum Sekretärinnenjob. Vor allem das weltoffene London, wo sie auch etwas Klavierunterricht genoss, hatte es ihr angetan. Ein Gutteil ihrer Freizeit verbrachte sie im «Ronnie Scott’s» Jazzclub, der sozusagen zur nächtlichen Wohnstube wurde. Es reifte der Entschluss, das weitere Leben mit Jazz zu verbringen, zumal sie in dieser Weltstadt auch da und dort Spielmöglichkeiten vorfand.
In der provinziellen Schweiz war es üblich, einem «seriösen» Brotberuf nachzugehen, so dass Talentierten die Möglichkeit geboten wurde, jeweils an einem Amateur-Jazz Festival (1951-1971) aufzutreten. Manche Beteiligte an den Wettbewerben mochten die musikalische Freizeitbeschäftigung ernster genommen haben, als ihren angestammten Job. Irène, die bald Spitzenplätze erreichte, kümmerten eingefahrene Lebensentwürfe wie Berufskarriere und Familie ohnehin wenig, sie machte die Musik lieber gleich zur Lebensgrundlage. Da war er schon, der Drang nach Freiheit, dem jedoch immer das Risiko eingeschrieben ist. 

Anfänge und Entwicklungen im Trio, auf ins «Africana»
Das Trio, bestehend aus Piano, Kontrabass und Schlagzeug, ist bis heute eines der gebräuchlichsten Formate, in dem sich auch Irène Schweizer fand. Im fernen New York arbeitete Bill Evans zu Beginn der 60er Jahre mit seinem Trio an einer hochintegrierten Spielweise, welche Bass und Schlagzeug aus der Begleitrolle löste und gleichberechtigt ins musikalische Geschehen einbezog. Irène dagegen orientierte sich zu dieser Zeit eher am Souljazz-Groove eines Horace Silver oder Junior Mance. Doch mit den beiden Deutschen Uli Trepte (b) und Mani Neumeier (d, perc) sollte sich dies bald ändern. Zum Vorbild nahmen sie das Paul Bley Trio. Als Labor diente das legendäre «Africana» am Zürcher Zähringerplatz, wo selbst über Mittag Sessions stattfanden, die einen auf den Lunch oder eine Vorlesung auf dem benachbarten Bildungshügel mit ETH und Uni verzichten liessen. Im «Africana» - der Name deutet es an -, traten auch exilierte Musiker aus dem damaligen Apartheidstaat Südafrika auf; etwa Dollar Brand, der später als Abdullah Ibrahim berühmt wurde, oder Chris McGregor mit den «Blue Notes», danach mit der «Brotherhood of Breath». Einige Musiker aus diesem Kreis schmiedeten eine Verbindung zu Irène Schweizer, die nie abriss und bei ihr eine stetige Liebe zur vielfältigen Musikkultur dieses Landes entfachte.

Free Jazz und Politik
Free Jazz ist gewiss ein etwas hilfloser Begriff, der lediglich aussagt, dass man darüber eigentlich nichts aussagen kann; er wollte einfach in keine Schublade passen. Also lassen wir ihn in unserer Ratlosigkeit stehen. 
Zum Auftritt von Irènes Trio 1966 am Deutschen Jazzfestival in Frankfurt/M meinte die «Zeit», dass man bei den Amerikanern Don Cherry oder Charles Lloyd und ihren Gruppen formale Anlagen heraus hören könne, wohingegen die Lieferungen der Trios von Peter Brötzmann, Wolfgang Dauner und Irène Schweizer zwischen technischer Unfähigkeit und Hochstapelei schwankten.
Die Hörgewohnheiten auch eingefleischter Jazzfans wurden nun  etwas strapaziert. Aber wenn Kommerz und Markt lautstark regieren, muss es auch mal politisch werden. Natürlich transportiert der Free Jazz keine spezifisch politische Haltung, vielmehr entspringt er einer musikalischen Entwicklung, die als authentische, zeitgenössische Kunstform gesellschaftliche Konflikte spiegelt.
Wir nähern uns dem Jahr 1968, wo viele Verkrustungen aufgebrochen wurden. Irène Schweizer verfolgte jedoch das Geschehen in den USA intensiver, denn dort traten afroamerikanische Musiker wie Archie Shepp nicht nur mit neuer Musik sondern mit klaren Botschaften wider die grassierende Rassendiskriminierung und für die Bürgerrechte an. Musikalisch war indes Cecil Taylor die Referenzgrösse. Inzwischen war sie Mitglied des Pierre Favre Trios, dem auch Peter Kowald (b) angehörte. Bei Favre, der damals in der Beckenproduktionsfirma «Paiste» in Nottwil LU arbeitete, nahm sie eine Stelle als Sekretärin an.

Free Jazz im Hinterland – Willisau  und an der Front - Westberlin
Im Gegensatz zum Publikum war Organisator Niklaus Troxler von der Musik, welche das Trio mit Favre, Irène und Jiří (George) Mráz (b) im Saal des Willisauer Hotels «Kreuz» am 13, Februar 1968 darbot, begeistert. Troxler machte sich daran, sein Heimatdorf im Luzerner Hinterland in einen weltbekannten Hotspot der Jazz Avantgarde zu verwandeln und Teil der Schweizer Jazzgeschichte zu werden. In Willisau wurde Irène Schweizer trotz des wenig verheissungsvollen Beginns zeitlebens zu einer fixen Grösse.
In Berlin, der Frontstadt des Kalten Krieges, gründeten zu dieser Zeit, fern des etablierten Produktions- und Vertriebsgeschäftes, der Saxophonist Peter Brötzmann, der Pianist Alexander von Schlippenbach und Peter Kowald das FMP-Label (Free Music Productions), zu dessen innerem Zirkel auch Irène Schweizer gehörte. Die antreibende Kraft war Jost Gebers, von Haus aus Sozialarbeiter, der unzählige Konzerte und Aufnahmen organisierte. Nach Irènes Urteil habe man sich damals, politisch aufgeheizt, vorübergehend in einer überlauten «Kaputtspielphase» befunden, die manche Zuhörende in die Flucht getrieben habe. Natürlich ist derlei Nischenmusik kaum vermarktbar, infolge dessen mussten die Musiker:innen Produktion und Vertrieb selbst in die Hand nehmen. 

Gagen - Reisen - Ostberlin
Wie angedeutet, war und ist mit Free Jazz kaum Geld zu verdienen, die Gagen fielen demnach kümmerlich aus. Genauso wenig konnte man komfortabel reisen. Die Künstler:innen fuhren mit Schrottkisten an die Spielorte und übernachteten so kostengünstig wie möglich. Oft waren sie den Unbilden des Wetters und der Verkehrsverhältnisse ausgesetzt, so dass es notgedrungen ausser Plan zu ad hoc Besetzungen kam, weil die Spielpartner:innen häufig aus verschieden Himmelrichtungen anreisten und oft nicht rechtzeitig zu den Auftritten erscheinen konnten. 
Free Jazz ist nicht zuletzt Spontankommunikation unter besonderen Umständen. Besondere Umstände herrschten auch jenseits der Berliner Mauer, wo 1973 das damalige Schweizer-Rüdiger Carl (ts) Quartett auf die Koryphäen des DDR-Jazz wie «Baby» Sommer, «Luten» Petrowsky (as), Uli Gumpert (p) und Conny Bauer (tb) trafen. In der eingemauerten Stadt gerieten diese Ost-West Sessions zu einer lustvollen Feier der Freiheit.

Das Schlagzeug und das Piano als perkussive Erweiterung
Manche Pianist:innen spielen auch Schlagzeug oder Perkussionsinstrumente, wie etwa Chick Corea oder umgekehrt, wie Jack DeJohnette; so auch Irène Schweizer, die sich schon sehr früh, noch zu Dixieland-Zeiten ans Schlagzeug setzte. 
Reminiszenz: Chick Corea wohnte Anfang der 70er Jahre, vermittelt durch Niklaus Troxler, ein Jahr lang in Triengen, unweit von Irènes damaligen Wohnort Sursee. Gemäss Troxler wollte Corea gern mit Irène zusammen spielen. Chick am Schlagzeug, Irène am Piano; Wow, wer hätte das nicht gerne gehört.
Auch später hatte sie zumindest so häufig Schlagzeug gespielt, dass dieses in vielen Nachrufen und lexikalischen Einträgen neben dem Piano ebenfalls vermerkt wird. Unüberhörbar ist indes, dass sich die Erfahrung am Drumset in ihrem Pianostil niedergeschlagen hatte und sich oft in einer stark perkussiv angelegten Spielweise manifestierte. Es ist auch kaum ein Zufall, dass sie in späteren Zeiten besonders gerne mit Schlagzeugern, wie Pierre Favre, Han Bennink, Louis Moholo, Andrew Cyrille, Hamid Drake, Joey Baron und Günter «Baby» Sommer im Duo dialogisierte. Zuweilen verwendete sie das Piano als weiteres Perkussionsinstrument, indem sie die Saiten mit Schlegeln bearbeitete oder Minicymbeln belegte.

Solo – Feminismus – Diversität
Anlässlich des 2. Willisauer Jazzfestivals 1976 überzeugte Troxler die zweifelnde Irène Schweizer davon, sich doch einmal solo zu präsentieren. Der Auftritt geriet zu einem glanzvollen Einstieg in dieses Metier. Das begeisterte Publikum wollte die Künstlerin kaum von der Bühne lassen. Ohne Ablenkung in sich hinein zu hören, um dann mittels der 88 Tasten improvisierend auszudrücken, was das Innere zurückmeldet, ist eine besondere Kunst, die nur wenigen gegeben ist. Die Titel der beiden ersten Solo-Alben bei FMP «Wilde Señoritas» und «Hexensabbat» deuteten nun auch in die Richtung, die sie aus ihrer Grundhaltung heraus eben auch in ihrer Kunst vermitteln wollte: Feminismus und Diversität. Sie stand für Lebenskonzepte ein, die in ihrem engen Heimatland, das sich 1971 mit grosser Verspätung mühsam zur Gewährung des Frauenstimm- und Wahlrechts durchgerungen hatte, noch nicht besonders gängig und akzeptiert waren.  
Dass die Jazzszene auch eine Männerwelt war und teilweise noch ist, lässt sich kaum bestreiten, denn bei so mancher maskuliner Performance ist auch der aktivierte Testosteronfluss gewissermassen als Hintergrundgeräusch zu hören. 
Zur wohlverstandenen Freiheit gehört auch, dass sie von allen menschliche Wesen beansprucht werden kann, wo doch gerade der Jazz frei von Geschlechter- und Diversitätsschranken sein sollte. Es ist tatsächlich eine grosse und vielleicht auch politisch unterlegte Leistung von Irène Schweizer, sich als bekennende Lesbe in einem gewiss selbst unter Linken nicht immer freundlich gesinnten Umfeld durchgesetzt zu haben. Dies wertet ihren künstlerischen Beitrag zur Schweizer Kulturszenerie nochmals auf. Vielleicht lag es ganz einfach an ihrem Naturell, das sie mit grossem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein in einer Männerwelt bewegen liess. Jedenfalls wurde sie dort stets akzeptiert und geschätzt. 
Formationen wie die «Feminist Improvising Group», später «Les Diaboliques» bedienten sich bei ihren Auftritten einiger satirischer Theatralik, so dass Männern zwar Hören und Sehen nicht gänzlich verging, aber zunächst zu Leerschlucken und nach dem ersten Luftholen zu bissigen Kommentaren anregten. Irènes häufige Partnerinnen waren die Britinnen Lindsay Cooper (reeds), Maggie Nicols (voi), die Französin Joëlle Léandre (b) oder im Duo die Schweizer Altsaxophonistin Co Streiff.

Exkurs: Zürich in den 80er Jahren
Zu Beginn der 80er Jahre brodelte es in Zürich. Der damalige Stadtpräsident Sigmund Widmer liess verlauten, Pop-Musik, wozu er gewiss auch den Jazz zählte, sei keine Kultur. Dagegen kam das Opernhaus als Stätte glanzvoller Hochkultur in den Genuss einer Subvention von 60 Millionen Franken. Viel weiter war man demnach seit den grauen Zeiten, wo Jazz noch als «Negermusik» abqualifiziert wurde, anscheinend nicht gekommen. Das liess sich die kulturell auf Sparflamme gehaltene Jugend, die musikalisch jedoch eher dem Punk zugeneigt war, nicht mehr bieten und es kam zu Krawallen, welche von der Polizei ziemlich grobschlächtig niedergehalten wurden. Immerhin gelang es im Nachgang zu diesen Aufregern am properen Finanzplatz einige alternative Kulturstätten zu installieren.

WIM- taktlos – Intakt
Von der Stadt Zürich kann man schwerlich behaupten, dass es eine Jazz-Metropole mit Ausstrahlung sei. Eher im Verborgenen gibt es Nischenplätze, wie die noch immer existierende WIM (Werkstatt für Improvisierte Musik), gegründet vom Bassisten Peter K. Frey und dem Pianisten Urs Voerkel, die auch der Mitinitiantin Irène Schweizer als Laborplatz dienten. Sie selbst fragte in einem Essay 1981 «Wo spiele ich in der Schweiz?». 
1984 beim ersten «taktlos Festival» in der Zürcher «Roten Fabrik» wurde ein grösseres Publikum auf sie aufmerksam. Wohlgemerkt, nachdem sie sich ausserhalb der kleinen Schweiz längst einen Namen gemacht hatte. Das Festival war gewissermassen der Auslöser für die Gründung des heute in den Jazzkreisen der Welt und insbesondere der USA überaus angesehenen Plattenlabels «Intakt Records». Neben dem sehr verdienstvollen Gründer und langjährigen Leiter Patrik Landolt und Mitgründerin Rosmarie A. Meier war auch Irène Schweizer an Bord und in den Anfangsjahren das Zugpferd schlechthin. Sie starteten das Label folgerichtig mit dem Live-Mitschnitt ihres Auftritts am 1. taktlos-Festival. Von den ersten zehn Veröffentlichungen trugen nicht weniger als acht ihren Namen. In den weiteren Jahren entwickelte sie sich gewissermassen zum Zentralgestirn des Labels, das wie sie selbst ebenso aus der engen und zuweilen kleingeistigen Schweiz in die grosse Welt hinaus leuchtet.

Plattenproduktion – «Freie» Musik
Ergibt es Sinn, Free Jazz oder improvisierte Musik, die aus dem Moment heraus entsteht, auf einer Platte zu konservieren? Irène Schweizer, die ja sehr eng mit «Intakt» zusammenarbeitete, hatte hierzu eine klare Meinung: Nicht jeder gespielte Ton müsse verewigt werden, eine Platte solle das Dokumente einer künstlerischen Entwicklung sein. Sie habe jeweils mit einer Herausgabe zugewartet, bis wieder eine Entwicklungsstufe abgeschlossen worden sei. Zudem strukturierte sich die Musik, die weiter unter dem Label «Free Jazz» lief, immer mehr. Es wechselten sich durchkomponierte Teile mit frei improvisierten ab. Es entwickelte sich eine Dramaturgie, mit fühlbarer Verdichtung und Entspannung, die sich entweder solo von Innen heraus oder aus der musikalischen Kommunikation der Beteiligen untereinander ergaben. Zur Freiheit, von der Irène Schweizer ausgiebig Gebrauch machte, gehörte nun auch wieder der souveräne Umgang mit Elementen aus der Tradition des Jazz oder anderer musikalischen Provenienzen. 

Grosses und teuflisches zur Midlifefeier 
Das Spiel mit und in einer Grossformation fehlte noch. Wer hätte das Geburtstagsfest zu Irène Schweizers 50. besser orchestrieren können, als der renommierte britische Bassist und Komponist Barry Guy? Dazu versammelte er in seinem «London Jazz Composers Orchestra» die Creme der britischen Avantgarde, die allerdings trotz hochkarätigem Personal keine Frau einschloss, wie die «Berner Tagwacht» erstaunt feststellte. Gewiss gehörte das Spiel in einer Grossformation, für eine die sich gern solo, oder kommunizierend in Duos oder anderen Kleinformationen bewegte, nicht zu ihren Vorlieben. Aber es gelang Barry Guy mit «Theoria» ein einstündiges Stück zu komponieren, das sie ins Zentrum eines Kreises von Musikern, die sie alle bestens kannte, stellte und glänzen liess. Die Erstaufführung fand am 17. Februar 1991 zusammen mit der Première des Trios «Les Diaboliques» in der «Roten Fabrik statt.

Preise und Krisen
Sie konnte nun auch erste Kunst- und Kulturpreise in Empfang nehmen: Schaffhausen (1990) und Zürich (1991). Es folgten später noch der Sonderpreis «Nachtigall 2013» der Deutschen Schallplattenkritik, der Kulturpreis des Kt. Zürich und der Schweizer Grand Prix Musik, beide 2018. 
Trotz der Erfolge ist ein Künstlerleben selten frei von Krisen. Beziehungen zerbrechen, Geschwister (Lotte) und gute Freunde (Pianist Urs Voerkel) sterben, es schleicht sich der Zweifel am eigenen Schaffen ein, nichts ist mehr gut genug. Doch Mitte der 90er Jahre fand sie nach längerer Zeit wieder aus einer schweren Krise heraus. 

Südafrika und der Rest der Welt 
Es ist leicht einzusehen, dass der Kulturraum der Schweiz, insbesondere in Bezug auf neuere Musik ausserhalb der Folklore zu klein ist. Zumal die Kunstaffinität jenseits des etablierten Kanons sehr schnell abnimmt, obwohl der Glanz der nun zur Grande Dame des Schweizer Jazz gereiften Künstlerin mit der Zeit auch in die Heimat zurück reflektierte, so dass sich nun auch Prominenz aus Kultur und Politik gern in ihrer Nähe zeigten. Sie zog derweil ihren Wirkungskreis weit über Europa hinaus. In New York hatte sie 1985 schon fünf Monate gelebt, nun folgten ab den 90er Jahren Konzertreisen nach Kuba, Kanada Japan und China. Und zu Südafrika, das sie zusammen mit dem Schlagzeuger Louis Moholo 2003 bereiste, hatte sie schon seit «Africana»-Zeiten einen besonderen Bezug. Mit Makaya Ntshoko, einem anderen südafrikanischen Schlagzeuger, den sie auch schon lange kannte und dem Zürcher Altsaxophonisten Omri Ziegele bildete sie das Trio «Where’s Africa», wo sie sich vor allem der hymnisch angelegten Musik des südafrikanischen Jazz widmete.

Solo auf den Tempelbühnen der Hochkultur
Nun war Irène Schweizer dort angekommen, wohin sie eigentlich gar nicht wollte: Auf die Bühnen der Hochkultur, zumindest nach dem Verständnis des Bildungsbürgertums.
Die eine Adresse war am 8. Oktober 2005 das Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL), wo auch die Premiere des Porträtfilms «irène schweizer» von Gitta Gsell stattfand.
Die andere war die Tonhalle Zürich anlässlich ihres 70. Geburtstages am 11. April 2011. 
Derlei Veranstaltungen ziehen einiges an Prominenz an, die vielleicht nicht den direkten Zugang zu dieser Art Musik hat, aber zumindest ihr offenes Kunstverständnis ins beste Blitzlicht stellen darf.
Solokonzerte erfordern ein Eingehen aufs Publikum, ohne billiges Anbiedern. Als grosse Improvisatorin verstand sie es in solchen Konzerten gewissermassen ihre musikalische Biographie aufzufächern, in denen sich die Anteile finden lassen, die für ihre Entwicklung von Bedeutung waren. Dabei wog sie sehr bewusst zwischen Eigen- und Fremdkompositionen ab.

Monk, Freiheit und Abschied
Bei Fremdkompositionen griff sie gerne auf Thelonious Monk zurück, dessen Musik natürlich genauso frei ist, wie jene der Freejazzer:innen. Monks Freiheit bestand indes darin, sich stets im Bewusstsein seiner musikalischen Herkunft komponierend und höchst eigenwillig am Piano improvisierend auszudrücken. Es ist bestimmt kein Zufall, dass seine Kompositionen nicht zuletzt bei der Avantgarde sehr beliebt waren und sind. Gewiss, es gab die Free Jazz-Brachialphase, die n.b. auch Irène durchlaufen hatte, aber wenn die Freiheit im Zwang besteht, tradierte Strukturen krampfhaft nieder zu reissen, ist es eben keine mehr.
In den letzten Jahren, in denen sie noch spielte, stand das Spiel solo und im Duo im Vordergrund, wo sie eben diese Art von «Monk’scher» Freiheit zelebrierte.

Leider wurde ihre lange und schleichende Krankheit zum letzten Spielverderber und liess sie am 16. Juli 2024 endgültig verstummen.

Ihre Musik ist zu einem wesentlichen Teil des modernen Schweizer Kulturschaffens geworden; und sie wird es bleiben.

Vielleicht war für sie Free Jazz nicht nur eine musikalische Stilfrage, sondern im weitesten Sinn eine Lebenshaltung. 

Heinz Abler


Quellen:
- Christian Broecking: Dieses unbändige Gefühl der Freiheit (2016, Broecking Verlag)
- Intakt Records, Zürich

Plattenempfehlung:
- Irène Schweizer - Portrait (Intakt Records, CD 105)

Videos

Irène Schweizer
Africana Zähringerplatz, Zürich 1959

Improvisation

Ausschnitt aus der Schweizer Wochenschau SF1

 

Tonbeispiele

Sisterhood of Spit (Irène Schweizer - solo)

The Very Last Tango ( Maggie Nicols (voi) - Joëlle Léandre (b) - Irène Schweizer (p))

Hackensack (Komp. Monk)  (Han Bennink (d)  - Irène Schweizer (p))

Fotogalerie

Irène Schweizer, Heinz Wehrle
 

Where's Africa 
Irène Schweizer, Makaya Ntshoko, Omri Ziegele

Irène Schweizer, Pierre Favre 
2007