
Gesang, Tanz
* 26. 9. 1925 Memphis, Tennessee – † 28. 11. 2020 Binningen, Baselland
Othella Dallas, geborene Strozier, entstammte einer musikalischen Familie: Ihre Mutter spielte Klavier, der bekannte Hardbop-Saxofonist Frank Strozier (*1937) ist ihr Halbbruder. Entdeckt wurde sie zunächst jedoch als Tänzerin: Die berühmte Choreografin Katherine Dunham sah sie 1943 bei einer Schulaufführung in St. Louis und holte sie sofort in ihre Dancy Company nach New York, mit der die junge Frau als Solotänzerin in den folgenden Jahren durch die USA, durch Südamerika und Europa tourte.
Auf einer Tournee lernte Otella Dallas den Schweizer Ingenieur Peter Wydler kennen; aus einer Brieffreundschaft entwickelte sich ein Lebensbund. Sie lebte zunächst in Frankreich, wo sie ab 1952 auch als Sängerin aufzutreten begann, unter anderem mit dem Klarinettisten Sidney Bechet und dem Pianisten Nat King Cole. Mit Duke Ellington, Sammy Davis jr., Quincy Jones, Sonny Stitt und King Curtis stand sie auf der Bühne. In Paris gründete sie auch eine Tanzschule, ebenso wie später an ihrer neuen Wirkungsstätte in Zürich, wo sie unter anderen Margrit Läubli, Ruedi Walter und Margrit Rainer unterrichtete, und 1975 im Basler Gundeliquartier.
Den grössten Teil ihres erwachsenen Lebens verbrachte sie in der Schweiz. 1995 gab sie anlässlich ihres 70. Geburtstags ein dreiwöchiges Gastspiel im Tabourettli Basel. In den Tanz-Workshops, die sie bis ins hohe Alter gab, blieb sie der Methode ihrer Lehrerin Katherine Dunham verpflichtet. Zwischenzeitlich wurde es etwas stiller um sie als Sängerin, doch 2008 feierte sie mit dem Album «I Live the Life I Love» ein fulminantes Comeback und absolvierte in ihren letzten 12 Lebensjahren zahlreiche Auftritte. Unter anderem war sie Stammgast am Festival da Jazz in St. Moritz, zu dem der Impresario Christian Jott Jenny immer wieder einlud. Auch im von Daniel Rohr geleiteten Theater Rigiblick hoch über der Zürcher Altstadt trat sie gern auf. 2015 widmete Andres Brütsch ihr den Dokumentarfilm «What Is Luck?». Noch als 94-Jährige begeisterte sie das Konzertpublikum mit ihrer Ausdruckskunst, ihre Wärme und ihrem Humor. 2019 wurde sie mit dem Swiss Jazz Award ausgezeichnet.
Manfred Papst
Der Schlagzeuger Pius Baschnagel, der oft mit Othella Dallas auftrat und sie auch bei zwei Plattenproduktionen im Studio begleitete, erinnert sich an die Sängerin:
«I live the life I love and I love the Life I live”: So hiess ihr Jubiläumsalbum, so lautete ihr Motto, und so lebte sie auch. Sie verschrieb sich voll der Musik und dem Tanz. Sie war pure Leidenschaft in allem, was sie tat. Ich hatte Gelegenheit, während rund fünfzehn Jahren als Schlagzeuger bei Othella mitzuwirken oder besser «mitzuvibrieren». Im Mai 1995, kurz nach meinem Studium am Musicians Institute in Los Angeles, stiess ich zur Band, mit zarten 25 Jahren. Es war der Anfang einer äusserst erlebnisreichen, intensiven und aufregenden musikalischen Zeit.
Die ersten Probewochenenden bei den Balzarinis, den damaligen Managern von Othella, waren durch Herzlichkeit, Spannung, Aufregung und Freude geprägt. Dann ging’s los. An unzähligen Festivals, in Clubs, auf Jazz-Schifffahrten und an anderen Veranstaltungen traten wir während der rund fünfzehn Jahre, in denen ich dabei war, auf. Auch im Studio arbeiteten wir zusammen. Auf zwei CDs, «What’s This Thing Called Love» und « I Live the Life I Love», spielte ich für sie die Drums. Immer dabei war mein lieber Freund und Weggefährte, der Pianist Thomas Silvestri.
Bis heute verbinden uns viele Erlebnisse mit Othella. Die Bühne war ihr Zuhause. Was mich immer beeindruckte, war, wie schnell und mühelos sie das Publikum in ihren Bann zu ziehen vermochte, wie ansteckend ihre Präsenz war. Kaum ein Konzert endete ohne Standing Ovation. Der Funke sprang einfach sofort hinüber, und wir Bandmitglieder, meist ein Trio mit Klavier, Bass, Schlagzeug, manchmal noch Gitarre, genossen das in vollen Zügen. Alle waren wir von ihrer unbändigen Energie mitgerissen. Nebst dem Beherrschen der Arrangements galt es, ihre Energie mitzutragen, mit ihr zu «pushen». Sie war sehr impulsiv, Zurücklehnen gab es nicht. Spotlight on und alles geben! In den frühen Jahren konnte sie schon auch mal einen Musiker auf der Bühne zurechtweisen. Ein strenger Blick zurück und dann: «Noooooo!». Mich hat’s natürlich auch erwischt. Wenn sie nicht das bekam, was sie erwartete (Tempo, Groove, Power), konnte es einen Moment lang schwierig werden…
Auch vom Publikum verlangte sie totale Aufmerksamkeit. Dazu erinnere ich mich an folgende Anekdote von einem Abend in Marian’s Jazzroom in Bern, wo wir ein Wochenengagement bestritten. Nachdem an einem Tisch im Club während der Songs wiederholt geredet worden war, wurde es Othella zu viel. Sie wandte sich dem Tisch zu, formte mit dem Mikrofonkabel eine Henkerschlinge und rief: «Hey you! This is for you! Can’t you shut up your mouth for one second?». Genauso hasste sie es, wenn während des Konzerts serviert wurde, so musste sich ab und zu eine Kellnerin, ein Kellner etwas anhören von ihr. Sie brauchte jeden einzelnen im Raum. Doch man wurde belohnt! Ihre Stimme, ihre Songs, ihr Groove, ihre Tanzeinlagen, ihre Conga-Soli, ihre Speeches über ihre Lebensgeschichte, Karriere, Treffen mit den grössten Musikern wie Duke Ellington oder Quincy Jones: Das war einfach grandios.
Sie kam aus einer anderen Welt, aus einer anderen Zeit und verzauberte uns alle mit ihren Geschichten und ihrer Musik. Nach den Konzerten konnten wir (die Band) sie von einer weicheren, milderen und sehr intimen Seite kennenlernen. Sie liebte das Zusammensitzen und den Austausch übers Leben. Sie interessierte sich für unsere Geschichten, unsere privaten Angelegenheiten. Eine weitere wunderbare Erinnerung, abseits des gemeinsamen Musizierens, betrifft unsere Begegnung in Havanna, Kuba. Sie war dort mit ihrem Sohn im Urlaub, ich mit Musikern meiner Salsa-Band. Eines Abends besuchten wir gemeinsam das Konzert von Klimax, einer Top-Salsa-Band, in der Casa de la Musica. Irgendwie schafften wir es in den Backstagebereich… und plötzlich sah ich Othella auf der Bühne vor der gesamten Band, mindestens 14 Musiker*innen, tanzen. Mit ihrer unbändigen Energie eroberte sie kurzerhand die Salsa-Bühne und das Publikum. Wie herrlich. Sie wurde von den kubanischen MusikerInnen anschliessend gefeiert.
Ich vermisse Othella, sie war wirklich ein grossartiger Mensch mit einem grossen Herz. Ich bin dankbar, einen Teil ihres Weges mitgegangen zu sein. Sie hat gelebt, sie hat geliebt: Die Musik, die Bühne, die Menschen, ihren Peter, den Tanz, die Emotionen.
Alex Felix-Othella Dallas (Radio Mellowtone) 1984
Othella Dallas voc
Alex Felix cor, tr, voc
Fernando Fantini ts
Dennis Armitage p
Georges Schwarz g
Roman Dylag b
Georges Bernasconi d
Sendung Treffpunkt (SF DRS 1986)
30 Jahre Jazz, Made In Switzerland 1935-1965
2-8 St. James Infirmary
Othella Dallas – Mac Strittmatter Sextet, Basel 1961
Othella Dallas voc, Mac Strittmatter cl, Raymond Droz tb, Peter Schwalm tp, Peter Schmidli g, Louis Mermet b, Kenny Schmidt d
Little Girl From Memphis, Othella Dallas
2 Bad Girl
Othella Dallas voc, perc, John Betsch d, Tibor Elekes b, Philippe Hammel hca, Kirk Lightsey p, Thomas Moeckel tr, g

Radio Mellow Tone


Othella Dallas & Hans Tschudy

George Scheibel Big Band mit Othella Dallas