
Dr. Jan Slawe
Musikwissenschaftler, Journalist, Autor von Artikeln und Büchern zum Thema Jazz
Geboren am 21. Juni 1923 in Krakau (Polen), 1956 wurde er Schweizer Bürger, gestorben am 27. Februar 1982 in Zürich.
Bei diesem Musikerportrait geht es ausnahmsweise nicht darum, was das Objekt unserer Würdigung gespielt oder gesungen hat, sondern was es geschrieben hat. Was Jan Slawe alles trotz seines relativ kurzen Lebens geschrieben hat, ist für die Jazzmusik ausserordentlich bedeutungsvoll. 1948 kam seine „Einführung in die Jazzmusik“ heraus. 1953 erschien sein „Kleines Wörterbuch der Jazzmusik“ und ebenso 1953 zehn monografische Studien: „Louis Armstrong“ (Jan Slawe war durch und durch ein Armstrong-Fan.
Erste Jahre in der Schweiz
1939, kaum 17-jährig, fand Jan Sypniewski (später nannte er sich Slawe) mit den Resten einer polnischen Division im Jura den Weg über die Schweizer Grenze.
Mit harter Fronarbeit verdiente er sich das Recht aufs Exil. Als Student am damaligen polnischen Gymnasium in Winterthur stand vorerst das gründliche Erlernen der Fremdsprache Deutsch im Zentrum seiner Lernziele.
Mit Elan in Richtung Jazz
Nach musikwissenschaftlichen Studien an der UNI Zürich erlangte Jan Slawe die Doktorwürde, als Thema hatte er “Jazz“ gewählt. Er wurde 1948 Musikkritiker (inkl. Jazz) bei der NZZ, wo er bis 1962 blieb. Zum „Tages-Anzeiger“ wurde er 1963 als Jazzkritiker geholt. Auch durch viele Radiosendungen festigte er seinen Ruf als ausserordentlich kompetenter Vertreter eines Berufes, der damals bei weitem nicht den heutigen Stellenwert erreicht hatte.
Einführung in die Jazzmusik
Jan Slawe bemühte sich immer, mit seinem Wissen à jour zu bleiben, doch die gegenseitige Beeinflussung Jazz – Rock/Pop in ihrem heutigen Ausmass war ihm
1948 noch vergönnt zu erleben. Dass sie in seinen „Einführungen“ unerwähnt blieb, versteht sich von selbst. Unverkennbar war, dass ihm die klassische und barocke Musik trotz der Jazzfaszination in ihrer Wertordnung unangetastet blieb. Deshalb berief ihn auch Edmond de Stoutz, der damalige Leiter des Zürcher Kammerorchester, zum nebenamtlichen Gestalter seiner Programmhefte. Um hier einige Muster der Gründlichkeit zu zeigen, mit der Jan Slawe in die Materie Jazz einführen wollte, weisen wir auf ein paar seiner wesentlichen Aussagen hin. Im ersten Teil „Für und gegen den Jazz“, „Der Jazz als eine Art der Musik“ und „Versuch einer Definition“ steht unter dem Zwischentitel „Das Tonmaterial“.
1. Das im Jazz verwendete Tonmaterial und das Tonsystem sind die gleichen wie in der europäischen Musik; neben den chromatischen Dur-, Moll und Ganzton-Skalen ist einzig die Bluestonleiter ein ausschliessliches Jazzgebilde.
2. Der melodische Rohstoff ist somit der europäischen Musik und dem Jazz gemeinsam.
Der zweite Teil bietet einen Querschnitt durch die historische Entwicklung der Jazzmusik, gegliedert nach ihren Hauptstationen New Orleans, Chicago und New York. Der Abschnitt „New York und die Evolution des Jazz“ sind von ganz besonderer Bedeutung. So richtig berühmt sei der Jazz erst in der riesigen US-Hauptstadt geworden. Dort sei er aus seinem „Aschenbrödeldasein“ an die Oberfläche des Volksvergnügens aufgetaucht. Slawe schreibt: „Von nun an genügt es nicht mehr, die Musik der Afroamerikaner mit dem Wort „Jazz“ zu benennen. Man muss präzisieren: „echter“, „guter“, „wahrer“, „richtiger“ oder schliesslich „authentischer Jazz.“ Ein Paradebeispiel für den authentischen Jazz war für Jan Slawe die Musik, die Louis Armstrong mit seinen Bands „Hot Five“ oder „Hot Seven“ gegen Ende der Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts spielte. Beachten Sie die Musikbeispiele, die Thomas Reich für Sie zusammengestellt hat.
Die zehn monografischen Studien über Armstrong waren eigentlich als erster Band einer Monografien-Reihe gedacht. Das umfassende Werk über Armstrong ist gelungen. Ein zweiter Band, der wieder einem grossen Musiker gegolten hätte, konnte leider wegen Arbeitsüberlastung nie vollendet werden. Über die Wahl Armstrongs für die ersten zehn monografischen Studien schrieb Jan Slawe in einem Vorwort „Das Alte, das Berühmte ist im Fall Armstrong gleichzeitig auch die historische Basis, das Grundsätzliche. Nirgends aber ist man sich über die Grundlagen eines grossen Gebietes, wie es die Jazzmusik ist, weniger im Klaren als gerade unter den Jazzfreunden. Deshalb ist es notwendig, sich mit Louis Armstrongs Musik auseinanderzusetzen.“
Kleines Wörterbuch der Jazzmusik
Das dritte, kleine aber wichtige Buch, das Jan Slawe verfasst hat, sei hier auch erwähnt. Der Abdruck eines Textes von Arthur Honegger, dem Schweizer Komponisten, den Jan Slawe quasi als Vorwort an den Anfang des kleinen Buches gestellt hat, macht es, neben seinen Erklärungen zu mehr als 50 Stich-wörtern besonders wertvoll:
„Es ist interessant festzustellen, dass - nachdem man klassische Werke und insbesondere die Symphonien von Beethoven angehört hat – gewisse Jazzstücke viel raffinierter zu sein scheinen, sowohl vom orchestralen wie vom harmonischen Standpunkt aus gesehen; so viel raffinierter, dass man versucht sein könnte zu glauben, der Jazz sei die echte Musik.“
Das originelle Honegger-Zitat soll uns den Schlusspunkt des Jan Slawe-Portraits setzen. Dr. Jan Slawe starb am 27. Februar mit 59 Jahren: er hinterliess seine Frau und seine Tochter, die ihm als zuverlässige Partnerinnen immer zur Seite standen. Uns bleibt er unvergesslich. Alles, was er geschrieben hat, wurde bei uns mit Sorgfalt eingereiht.
Jimmy T. Schmid
Neu im Archiv:
Die grosse Überraschung 2025:
Eine interessierte Jazzfreundin hat uns eine Kopie der Doktorarbeit von
Jan Sypniewski, später Jan Slawe, überbracht.
1947: Phil.- Fakultät der Uni Zürich, Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde :
Ein Problem der Gegenwartmusik: JAZZ unter besonderer Berücksichtigung des symphonischen JAZZ (George Gershwin)
Ein Teildruck wurde in einer Auflage von 250 Exemplaren in Zürich veröffentlicht am 24.12.1952
Zum Inhaltsverzeichnis: Erster Teil mit 4 Kapiteln zur Existenzberechtigung der Abhandlung; Zweiter Teil Zur Problemstellung; Dritter Teil zur Europäischen Musikkultur und dem Jazz; Vierter Teil Zur Jazzwissenschaft.
In einem zweiten Teil der Dissertation handelt er die Geschichte der Jazzmusik in einem Überblick ab. Im dritten Teil geht er zur Theorie der Jazzmusik und im vierten Teil behandelt er den symphonischen Jazz anhand von George Gershwin mit dem Beispiel von “Rhapsody in Blue“.
Für unser Archiv von spezieller Bedeutung ist im Anhang ein Verzeichnis theoretischer Literatur aufgeführt. Hier listet er 504 Journalisten auf die zum Thema, Bücher und wichtige Artikel veröffentlicht haben.
Dies in den Jahren 1919 bis 1947 . Von Artikeln über „Slave Songs und Musik der amerikanischen Neger bis zum Artikel von Ernest Ansermet von 1919 über ein Orchestre Nègre in der Revue Romande. Aber auch über afrikanische Musikinstrumente und „Die Musik der nordamerikanischen Wilden“, Tonfilm und Musik,“ Haben Schlager künstlerischen Wert?“. Im Speziellen auch das Buch von W.C. Handy „The Birth of the Blues“ und Hinweise auf Erscheinungen von H. Panassié und dem Magazin „Le Jazz Hot“ oder dem „Down Beat Yearbook of Swing „(1939).
Eine wahre Fundgrube mit Unterlagen zur Frühzeit des JAZZ
Fernand Schlumpf

Bücher von Dr. Jan Slawe in der Bibliothek des Swissjazzorama
Foto: Hans Burkhalter
Duke Ellington im Kongresshaus Zürich 10. September 1959, mit Kommentar von Jan Slawe
Intro: Take the A Train
Begrüssung Duke
Medley: Black and Tan Fantasy, Creole Love Call, The Mooche

Louis Armstrong & His Hot Seven
Louis Plays the Blues
EP
1-1 Potato Head Blues (Armstrong)
Louis "Satchmo" Armstrong cor, voc
Edward "Kid" Ory tb
Johnny Dodds as, cl,
Lil Hardin – Armstrong p
Johnny St. Cyr bjo
Pete Briggs tb
Baby Dotts d

Louis Armstrong & His Hot Five
EP
1-2 Hotter Than That (Lil Hardin)
Louis Armstrong tp, cor
Kid Ory tb
Johnny Dodds cl
Lil Hardin p
Johnny St. Cyr g, bjo

Gershwin Plays Gershwin (The Piano Rolls)
CD
5. Rhapsody In Blue
Arranged, Written by – George Gershwin

Stan Getz And The Oscar Peterson Trio
CD
6. I Was Doing All Right
Written by George, Ira Gershwin

Die Jury des Amateur Jazz Festival Zürich 1956
mit Arthur Goepfert, Eddie Brunner und Jan Slawe
Foto: Kalan

Jan Slawe