
*1929 in Basel – †9. März 2006 in Wallbach
«Ohne Musik», gab Nietzsche zu bedenken, «wäre das Leben ein Irrtum.» Recht hatte er, der grosse Philosoph. Allerdings vergass er, die faszinierende Doppelnatur des musikalischen Vergnügens zu erwähnen – einerseits die Freude der Musiker am eigenen Spiel und anderseits die Freude ihres Publikums. Die Geschichte der Musik würdigt in Wort und Ton die Interpreten auf üppige Weise, vergisst aber gerne all jene, die andächtig bis kritisch zuhören, für eine besondere Stilrichtung schwärmen oder gar zu Sammlern und Dokumentalisten auf einem ganz bestimmten musikalischen Gebiet avancieren.
Spielen, zuhören, dokumentieren
Zur letzterwähnten Spezies zählte der Basler Otto Flückinger, der sich als Jugendlicher für den Jazz begeisterte und in der prägenden Ära von Dixieland, Swing und Bebop nicht mehr davon loskam. Er nahm Klarinettenstunden, wurde aktives Mitglied der lokalen Teenager-Band Feetwarmers. Aber mehr und mehr verlagerte sich sein Interesse darauf, in Form von Schallplatten und andern Tonträgern, Konzertbesuchen und Rezensionen, Interviews und Büchern alles Wissenswerte über die nationalen und internationalen Schauplätze des Jazz zusammenzutragen und zu systematisieren.
Ein prägendes Erlebnis für den jungen Flückinger wurde am 31. Oktober 1946 der Auftritt einer von Don Redman für Europa zusammengestellten US-Bigband im ausverkauften Basler Küchlin-Varieté-Theater. Später waren transatlantische «Gegenbesuche» angesagt: Otto Flückiger besuchte mehrfach das Jazz-Mutterland USA. Sein stetig wachsendes Interesse an der Geschichte des Jazz teilte er mit Gleichgesinnten und dokumentierte es durch die Herausgabe von Musiker-Monografien und anderen Publikationen, durch die Realisierung von Tonträgern und durch seine Mitarbeit an Fachzeitschriften. Besondere Erwähnung verdient die von Otto Flückiger und Armin Büttner realisierte Geschichte des Schweizer Jazz- und Tanzorchesters The Lanigiros (1924-1961).
Clubs, Verein ...
Die besonders im städtisch-jugendlichen Milieu der Dreissigerjahre spürbare Popularisierung des Jazz in der Schweiz führte Fans und Aktive zusammen. Vielerorts entstanden Clubs, 1934 beispielsweise der (nach wie vor existierende) Hot Club Basel. Natürlich war da auch Otto Flückiger mit von der Partie: Ab 1952 gab der Hot Club ein hektographiertes «Jazz-Bulletin» heraus, versehen mit Ottos Beilage «Jazz Statistics». Später wurde der unermüdliche Sammler, Systematiker und Schreiber selber zum Gründer und Förderer neuer Jazzinstitutionen.
Im Herbst 1985 konstituierte sich dank Flückigers Initiative der Jazzclub Rheinfelden. Vier Jahre später entstand gleichenorts der Trägerverein Pro Jazz Schweiz, der gemäss Statuten der «Verbreitung und Archivierung von Bild-, Tonmaterial und Informationen aus der Geschichte und der aktuellen Szene des Schweizer Jazz» dienen sollte. Der voluminöse Jazzfundus des mittlerweile pensionierten Otto Flückiger, ergänzt durch
weitere Privatsammlungen, wurde in ein Rheinfelder Bürogebäude verfrachtet – als Basis für künftige Jazzausstellungen, wie man ursprünglich dachte.
… Museum, Archiv
Doch als das bereits stattliche Archiv 1992 nach Arlesheim umsiedelte, änderte die Zweckbestimmung: Es entstand ein Museumsbetrieb mit regelmässigen Öffnungszeiten, allerdings auch mit prekärer finanzieller Ausstattung. 1996 wurde das Arlesheimer Jazzarchiv in die Jazzschule Basel integriert und vier Jahre später nach Uster überführt, wo es sich unter dem Namen Swissjazzorama, weitgehend betreut von ehrenamtlichen Mitarbeitern, im Laufe eines Vierteljahrhunderts zur bedeutenden Institution in Sachen (Schweizer) Jazz ausgewachsen hat. Als Otto Flückiger, der frühe Forscher und Ordner auf dem mittlerweile weiten Feld des Jazz, am 9. März 2006 starb, war seinen Mitstreitern bewusst, welch wichtige Basisarbeit der Basler geleistet hatte.
René Bondt

Lionel Hampton – Live In Switzerland
B1 – Hamp
Stadtcasino Basel 1980
Sun Ra (1914 - 1993)
Sun Ra & His Arkestra – Live At Montreux 1976
Take The A Train
Ausstellung im Schweizer Jazzmuseum Arlesheim 1992
von Otto Flückiger

Jazz und Hot Dance in der Schweiz 1921-1952
A4 Lanigiro – Me and the Man in the Moon – 1929
A6 Teddies – Shades of Hades – 1936
B1 The Berry's – The Berry's Stomp – 1941
B2 Fred Böhler – Board Meeting – 1941



