Portrait für den Monat April 2026: Ueli Staub

Ueli Staub – der Vielseitige

* 1. Januar 1934 in Zürich    †10. April 2012 in Thun

Zürich ist nicht die Welt, aber eine Art Weltstadt im Taschenformat – gesellschaftlich, kulturell, ganz gewiss finanziell. Kein Wunder darum, dass «Limmatathen» auch in der Geschichte des Jazz eine mehr als nur beiläufige Rolle spielt. Dieser Rolle spürte vor einem Vierteljahrhundert einer nach, der in der grössten Schweizer Stadt aufwuchs, dort Medizin studierte, jedoch auch als Jazzmusiker brillierte und schliesslich als freischaffender Journalist ein weites Betätigungsfeld fand: Ueli Staub. 

2002 erschien im NZZ-Verlag das von ihm realisierte Buch «Jazzstadt Zürich - Von Louis Armstrong bis Zurich Jazz Orchestra». Wer es heute zur Hand nimmt und mit anderen publizistischen  «Jazz-Turicensia» abgleicht, kommt um die angenehme Feststellung nicht herum, dass Zürich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sowohl für den traditionellen wie auch für den progressiven Jazz ein fruchtbares Terrain abgab und über die langlebige Institution Zürcher Jazzfestival auch international auf überdurchschnittliches Interesse stiess. In der innerstädtischen Konkurrenz vertrugen sich Oldtimer und Modernisten damals recht harmonisch – wenn auch selten in ein und derselben Band. Und man lag wohl nicht ganz falsch, wenn man die Dixieland-Zürcher seinerzeit eher im gewerblichen «Chreis Cheib», die lokalen Modern-Jazzer dagegen vorwiegend im Zürichberg- und Universitäts-Umfeld verortete.

Per Zufall zum Vibrafon
Zumindest im Fall von Ueli Staub stimmte diese ungefähre Zuordnung. Zu musikalischer Aktivität motivierten ihn ein Klavier und ein Lehrer, der ihm das klassische Handwerk beibrachte. Zum Jazz fand der Gymnasiast dann freilich seinen eigenen Weg, als ihm der Zufall ein Vibrafon in die Hände spielte – jenes Instrument, das Lionel Hampton in den üppig swingenden Dreissiger- und Vierzigerjahren populär gemacht hatte, bevor es vom sensiblen Milt Jackson in die intellektuellen Zirkel des Modern Jazz eingepflanzt wurde. Ueli nahm sich des herrenlosen Modeinstruments an und entwickelte sich im Nu zu einem beachtlichen Solisten auf den klingenden Metallplatten.

1953 gründeten Ueli Staub und sein Maturandenkollege Martin Hugelshofer (Piano) das Metronome Quartett, das sich - in respektvoller Annäherung an das erfolgreiche amerikanische Modern Jazz Quartet - schnell lokale Aufmerksamkeit erspielte. 1957 trat der inspirierende Basler Saxofonist Bruno Spoerri der Zürcher Band bei, die dadurch zum Metronome Quintett mutierte und bis zu ihrer Auflösung 2013 eine bemerkenswert lange Erfolgsgeschichte mit Konzerten und Tourneen im In- und Ausland schrieb. Beispiele gefällig? 1960 kürte die Jury des Zürcher Jazzfestivals Ueli Staub zum «absolut besten Solisten» und 1961 setzte sie das Metronome Quartett an die Spitze der Orchesterwertung. Eine lange Liste von LP-Einspielungen bezeugt etwa, dass das Metronome Quintett 1970 die offizielle Schweiz musikalisch an der Weltausstellung in Tokio vertreten durfte. Unvergessen sind auch die zwischen 1979 und 2001 gemeinsam mit dem Rezitator Gert Westphal realisierten Programme «Lyrik und Jazz».

Ueli Staub und Martin Hugelshofer repräsentierten ein gutes halbes Jahrhundert lang den Kern der Metronome-Formation, während die Zusammensetzung der Rhythmusgruppe im Laufe der Jahre wechselte und für Bruno Spoerri nach 1975 Ruedi Fischer, Ernst Gerber und schliesslich Richard Lipiec den Bläserpart übernahmen. Musikalisch völlig ausgelastet fühlte sich Vibrafonist Ueli freilich nicht im erfolgreichen und langlebigen Quintett: Ab 1965 war er auch ein ständiges Mitglied im Quartett des Zürcher Pianisten Robi Weber und bisweilen eine feste Grösse bei den etwas traditioneller und kommerzieller ausgerichteten Five Blazers.

Dentist und Journalist
Der gelernte Dentist Ueli Staub arbeitete nach seinem Studium eine Zeitlang im zahnärztlichen Institut der Universität Zürich. Er begriff freilich schnell, dass die Aufgabe, ein Berufsleben lang Patientenmäuler zu sanieren, ihm nicht wirklich zusagte. Da blieb er lieber halbprofessionell bei der Musik. Gleichzeitig wandte er sich freiberuflich dem Journalismus zu: Er schrieb – und fotografierte – vorzugsweise für die «Neue Zürcher Zeitung» über Musik und Tourismus, aber auch für andere Medien, denen der oft humorvolle und kluge, hie und da auch treffend-angriffige Stil des Multitalents behagte.

In der Welt der Medien fand Ueli auch seine Frau fürs Leben: 1978 heiratete er die Berner Fernsehmoderatorin, Journalistin und Mundart-Autorin Margrit Hadorn. Grüningen im Zürcher Oberland wurde ihr gemeinsames Domizil, später übersiedelte das Paar nach Thun, wo Margrit im Oktober 2007 nach schwerer Krankheit starb. Ihr vielseitiger Partner folgte ihr viereinhalb Jahre später.
 

René Bondt

Tonbeispiele

20 Jahre Metronome Quintett
B-5  Dein ist mein ganzes Herz, 1973
Ueli Staub vib, Bruno Spoerri as, ts, Martin Hugelshofer p, Felix Rogner b, Rolf Bänninger dr

30 Jahre Jazz Made In Switzerland 1935 – 1965
C-6   Dusty Vibes, 1964
Bruno Spoerri as, ts, Ueli Staub vib, Martin Hugelshofer p, Felix Rogner b, Rolf Bänninger dr

The Metronome Quintet at the Zoo with 57 friends 
A-1  Going to the Zoo, 1969
Ueli Staub vib, Bruno Spoerri as, ts, Martin Hugelshofer p, Felix Rogner b, Rolf Bänninger dr (und mit Musikern des Unterhaltungsorchesters Beromünster)

The Metronome Quintet at the EXPO 70 
A-1   EXPO–Blues, 1970
Ueli Staub vib, Bruno Spoerri ss, as, ts, arr, Martin Hugelshofer p, org, Felix Rogner b, Rolf Bänninger dr, perc

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